Interview mit Dr. Birgit Weihrauch, Vorsitzende des Stiftungsvorstands

04.04.2011 - 12:00

Berlin (dapd). Die neue Deutsche Hospiz- und PalliativStiftung kann ihre Arbeit aufnehmen: Am Freitag, den 25.3., hat sich der Stiftungsrat in Berlin konstituiert. Die Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Brigit Weihrauch, erklärte im Gespräch mit dapd-Korrespondent Holger Mehlig die Ziele.

dapd: Warum braucht man eine solche Hospiz-Stiftung?

Weihrauch: Die Hospizbewegung und die Versorgung schwerstkranker und sterbender Menschen lebt vom bürgerschaftlichen Engagement. Als die Hospizbewegung vor ungefähr 30 Jahren startete, waren die Themen Sterben und Tod ein Tabu. Menschen, die in Krankenhäusern starben, waren isoliert und wurden abgeschoben. Das führte dazu, dass Bürger sagten, so kann es nicht weitergehen. Daraus entstand eine Bürgerbewegung. Bis zum heutigen Tag entwickelte sich sehr viel. Das Bewusstsein in der Gesellschaft änderte sich. Wir bekamen neue Strukturen im Gesundheitssystem: Es gibt jetzt 180 stationäre Hospize, 1.500 ambulante Hospizdienste und viele palliative Stationen in Krankenhäusern. Inzwischen ist auch die häusliche Versorgung weiter ausgebaut worden. Ungefähr 80.000 Ehrenamtliche engagieren sich in der Hospiz- und Palliativarbeit. Wir müssen gerade angesichts der demografischen Entwicklung nach wie vor darauf setzen, dass sich die Menschen engagieren. Die Stiftung hat die Aufgabe, die Gesellschaft noch stärker zu mobilisieren, das bürgerschaftliche Engagement wieder mehr mit Leben zu füllen und Projekte zu initiieren. Wir haben noch viel zu tun. Viele Menschen werden weiter nicht ausreichend versorgt.

dapd: Wo besteht der größte Verbesserungsbedarf?

Weihrauch: Wir haben uns in der Vergangenheit vor allem um krebskranke Menschen gekümmert. Ungefähr 90 Prozent derer, die in stationären Hospizen versorgt werden, sind Krebskranke. Wir haben uns aber viel zu wenig um Menschen mit anderen Diagnosen als Krebs gekümmert, um alte Menschen in Pflegeeinrichtungen und um Demenzkranke. Zudem ist die häusliche Versorgung noch erheblich verbesserungsbedürftig. Die meisten Menschen möchten zu Hause sterben können. Wir müssen dafür sorgen, dass in allgemeinen Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern sowie bei der hausärztlichen Versorgung die Akteure besser qualifiziert werden für diese Aufgaben.

dapd: Wie positionieren Sie sich in der Debatte über aktive Sterbehilfe?

Weihrauch: Wenn diese Option ermöglicht würde, dann befürchten wir, dass der Druck auf alte Menschen oder Behinderte stark wachsen würde, weil sie anderen nicht zur Last fallen wollen. Das, was palliative Versorgung oder Versorgung im Hospiz leisten kann, ist nicht ausreichend umgesetzt. Viele werden nicht so versorgt, wie sie versorgt werden könnten. Wenn sie eine gute palliative oder hospizliche Versorgung in Anspruch nehmen könnten, dann würde auch gar nicht der Wunsch nach aktiver Sterbehilfe bestehen.

dapd: Stehen Sie in Konkurrenz mit den zahlreichen anderen Hospiz-Stiftungen, beispielsweise der Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung?

Weihrauch: Es sind überwiegend Stiftungen auf der örtlichen und regionalen Ebene. Wir treten mit denen nicht in Konkurrenz, sondern arbeiten mit ihnen zusammen. Wir agieren auf der Bundesebene. Die Deutsche Hospiz Stiftung ist eine Patientenschutzorganisation. Sie sagt selbst, dass sie nicht die Interessenvertretung für die Hospize ist. Insofern gibt es keine Berührungspunkte.

dapd: Wie viele Menschen wurde letztes Jahr in Hospizen betreut?

Weihrauch: Im letzten Jahr starben rund 20.000 Menschen in stationären Hospizen. Wer ein stationäres Hospiz einmal besucht und die Atmosphäre kennengelernt hat, wird in der Regel sehr beeindruckt sein. Es wird gelebt und gelacht, das denkt man gar nicht. Im Vordergrund stehen die Wünsche der Menschen, das wird sehr individuell gehandhabt. Betreut werden die Menschen häufig von Ehrenamtlichen. Es ist gelebte Mitmenschlichkeit. 

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